Im April 1979 verschwanden die 13-jährige Anna Müller und ihre elfjährige Schwester Lisa an einem sonnigen Nachmittag in der Nähe von Lüneburg, nachdem sie zum Einkaufszentrum gegangen waren. Sie kehrten nie nach Hause zurück. Ihre Mutter wartete bis zum Abend, dann brach Panik aus. Und 27 Jahre später sollte eine längst vergessene Akte die schreckliche Wahrheit ans Licht bringen, die in den Wäldern des Harzgebirges begraben lag.
Die Kleinstadt Lüneburg, eingebettet zwischen sanften Hügeln und dichten Wäldern im Norden Deutschlands, war Ende der 1970er Jahre ein Ort der Ruhe. Fachwerkhäuser säumten die gepflasterten Straßen, Kinder spielten auf den Plätzen und das Leben verlief in einem gleichmäßigen, vorhersehbaren Rhythmus.
Die Familie Müller lebte am Rande der Stadt in einem bescheidenen Reihenhaus mit einem kleinen Garten, in dem Frau Müller im Frühling Tulpen pflanzte. Ihr Mann arbeitete in einer nahe gelegenen Papierfabrik – eine solide, aber eintönige Beschäftigung, die die Familie ernährte. Anna, die ältere Tochter, war 13 Jahre alt, ein aufgewecktes Mädchen mit braunen Zöpfen, das gerne las und Klavier spielte.
Lisa, die Jüngere, war elf, lebhaft und neugierig, immer in Bewegung, immer auf der Suche nach Abenteuern. Die Schwestern waren unzertrennlich. Sie teilten sich ein Zimmer, dessen Wände mit Postern von Popstars und handgemalten Zeichnungen bedeckt waren.
An jenem Samstag, dem 21. April 1979, bat die Mutter die Mädchen, zum örtlichen Einkaufszentrum zu gehen, um Milch, Brot und ein paar Kleinigkeiten für das Wochenende zu besorgen. Es war ein Weg, den sie oft gegangen waren, etwa 20 Minuten zu Fuß durch eine ruhige Wohngegend und entlang einer wenig befahrenen Straße. Die Sonne schien, die Temperatur war mild und nichts deutete darauf hin, dass dieser Tag anders sein würde als jeder andere.
Anna und Lisa verließen das Haus gegen 14 Uhr. Ihre Mutter stand in der Tür und winkte ihnen nach, wie sie es immer tat. Die beiden trugen einfache Frühlingskleidung: Anna eine blaue Jacke und Lisa eine gelbe Windjacke, die ihre Mutter selbst genäht hatte. In ihren Händen hielten sie eine kleine Stofftasche und ein paar Münzen, die in Lisas Jackentasche klimperten. Sie gingen die Straße hinunter, plaudernd und lachend, wie es Schwestern tun.
Mehrere Nachbarn sahen sie an diesem Nachmittag. Frau Hoffmann, eine ältere Dame, die in ihrem Vorgarten Unkraut jätete, erinnerte sich später daran, dass die Mädchen sie grüßten und über irgendetwas kicherten. Ein anderer Nachbar, Herr Schröder, sah sie gegen 14:15 Uhr an der Ecke seiner Straße vorbeigehen. Alles schien normal.
Das Einkaufszentrum war ein kleiner, überschaubarer Komplex mit einem Supermarkt, einer Bäckerei und ein paar anderen Geschäften. Die Angestellten dort kannten viele der Stammkunden, darunter auch die Müller-Schwestern. An diesem Tag kauften Anna und Lisa die gewünschten Artikel und bezahlten gegen 14:45 Uhr an der Kasse.
Die Kassiererin, Frau Lange, erinnerte sich später genau an die beiden Mädchen. Sie sagte aus, dass sie fröhlich wirkten und nichts Ungewöhnliches an ihrem Verhalten bemerkte. Nach dem Einkauf verließen die Schwestern das Zentrum durch den Haupteingang. Das war das letzte Mal, dass sie von einem bestätigten Zeugen gesehen wurden.
Als die Mädchen bis 16 Uhr nicht nach Hause zurückgekehrt waren, begann Frau Müller sich Sorgen zu machen. Es war ungewöhnlich für sie, so lange wegzubleiben, besonders ohne Bescheid zu geben. Um 17 Uhr, als die Sonne tiefer stand und die Schatten länger wurden, ging Frau Müller selbst zum Einkaufszentrum, in der Hoffnung, dass die Mädchen vielleicht bei eine
Der Fall von Anna und Lisa Müller wurde zu einem Mahnmal, zu einer Erinnerung daran, dass das Böse oft im Verborgenen lauert – hinter einem Lächeln, einem Anzug, einem Tonbandgerät. Klaus Weber verbrachte den Rest seines Lebens im Gefängnis. Er starb 2015 einsam und vergessen in einer Zelle. Sein Tod wurde kaum bemerkt und niemand trauerte um ihn.
Für die Welt war er ein Monster und sein Tod änderte nichts an dem Leid, das er verursacht hatte. Die Wälder des Harzes, in denen die Überreste der Mädchen gefunden wurden, sind heute ein stiller Ort. Es gibt keine Markierung, nichts, was auf die schrecklichen Ereignisse hinweist, die sich dort abspielten. Doch für diejenigen, die die Geschichte kennen, ist es ein Ort der Erinnerung, ein Ort, an dem zwei junge Leben auf tragische Weise endeten.
Die Familie Müller lebt weiter, getragen von der Erinnerung an ihre Töchter und dem Wissen, dass die Wahrheit schließlich ans Licht kam, auch wenn es Jahrzehnte dauerte.
