Ich habe sechzig Mal versucht, die Stimme dieses Mannes zu vergessen, aber sie kommt immer wieder. Manchmal mitten in der Nacht, manchmal beim Beten, manchmal ganz grundlos. Es ist eine tiefe, sonore Stimme mit starkem deutschen Akzent. Und sie sagt immer dasselbe über „virbet clanon“.
Ich habe gebetet. Gott weiß, dass ich gebetet habe, aber nicht so, wie er es sich gewünscht hätte. Mein Name ist Eliane Marceau. Ich bin heute 87 Jahre alt. Ich lebe in einem einfachen Haus auf dem Land, fernab von allem und jedem. Doch 1943 war ich Schwester Eliane, eine junge, 24-jährige Nonne, die glaubte, dass mich das Ordenskleid vor dem Bösen schützte, dass das Kreuz auf meiner Brust ein Schild war, dass Gott nicht zulassen würde, dass jemand eine geweihte Frau berührte.
Ich hatte mich geirrt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Krieg bereits ganz Europa erfasst. Paris war besetzt. Die Russen waren von Angst ergriffen. Man tuschelte. Niemand traute mehr irgendjemandem. Und ich, so naiv ich war, glaubte, wir wären im Kloster Saint-Cyr-l’École nahe der Hauptstadt sicher. Schließlich waren wir ja nur Nonnen.
Wir kümmerten uns um Waisen. Wir beteten für die Verstorbenen. Wir stellten keine Gefahr für irgendjemanden dar. Doch das war ihnen egal. Es war ein Septembermorgen. Ich erinnere mich an den grauen Himmel, den kalten Wind, der durch die Ritzen der Holzfenster drang. Ich war in der Klosterbibliothek und räumte alte liturgische Bücher weg, als ich das Geräusch hörte.
Zuerst dachte ich, es sei eine Schlägerei zwischen den Kindern im Hof. Dann hörte ich Glas zerspringen, schwere Stiefel auf dem Steinboden poltern und deutsche Befehle durch die Gänge hallen. Mir stockte der Atem. Ich ließ das Buch fallen, das ich in der Hand hielt, und rannte zur Tür. Ich sah, wie die Mutter Oberin von einem uniformierten Soldaten gegen die Wand gedrückt wurde.
Ich sah zwei ältere Schwestern auf dem Boden knien, die Hände auf den zitternden Köpfen. Ich sah bewaffnete Männer, die überall suchten – Schränke, Schubladen, sogar die Kirchenbänke in der Kapelle. Ich versuchte mich zu verstecken. Ich rannte zurück in die Bibliothek. Ich schloss die Tür von innen ab. Ich kniete hinter einem hohen Bücherregal nieder und begann zu beten. Meine Finger umklammerten den Rosenkranz so fest, dass die Perlen Abdrücke auf meiner Haut hinterließen.
Ich murmelte immer wieder das Vaterunser, als könnten mich die Worte unsichtbar machen. Doch sie fanden mich. Die Tür wurde eingetreten. Zwei Soldaten traten ein. Der eine war älter, mit einer Narbe im Gesicht und einem müden Ausdruck. Der andere war jung, blond, mit hellblauen, leeren Augen. Er sah mich als Erster.
Er zeigte auf mich. Er sagte etwas auf Deutsch. Der ältere Mann lächelte. Es war kein freundliches Lächeln. Es war so ein Lächeln, das einem den Magen umdreht. Sie packten mich an den Armen. Ich versuchte, mich zu wehren, aber sie waren viel zu stark. Ich schrie um Hilfe, aber niemand kam. Sie zerrten mich den Korridor entlang, über die Eingangstreppe zum Hof, wo ein Militärlaster wartete.
Andere Frauen waren schon drinnen, Zivilistinnen, jung, verängstigt. Keine von ihnen trug eine Tracht, nur ich. Und da begriff ich: Ich war nicht einfach nur eine Gefangene, ich war anders. Und das machte sie neugierig. Einer der Soldaten riss mir den Schleier vom Kopf. Mein kurzes Haar, das gemäß den Vorschriften kurz rasiert worden war, lag nun im eisigen Wind.
Ich schämte mich. Nicht, weil meine Haare zu sehen waren, sondern weil diese einfache Geste schon eine Beleidigung war. Das war die erste von vielen. Sie warfen mich auf den Lastwagen. Die Plane wurde zugeklappt. Wir blieben in der Dunkelheit, hin und her geschleudert vom Rhythmus des Wagens, der über das Kopfsteinpflaster raste. Niemand sprach.
Man hörte nur unterdrücktes Schluchzen und das Dröhnen des Motors. Ich presste mein Holzkreuz an meine Brust und versuchte, mich an die tröstenden Worte zu erinnern, die ich immer zu den Kindern im Waisenhaus sprach: „Gott ist mit uns. Er verlässt uns nie.“ Doch in diesem Moment, zum ersten Mal in meinem Leben, kamen mir Zweifel. Die Reise schien endlos.
Sie hielt inne und blickte zur Tür, als wollte sie sich vergewissern, dass niemand kam.
Ein Ort, an dem Geschichte nicht länger kalt und fern erscheint, sondern lebendig, persönlich und dringlich wird. Eliane Marceau starb 2015. Doch solange wir ihre Geschichte erzählen, solange ihre Stimme aufmerksame Ohren und offene Herzen findet, wird sie niemals wirklich sterben. Sie lebt in uns, in euch weiter.
Und vielleicht ist das letztlich ihr größter Sieg über all jene, die versucht haben, sie zu brechen. Es ist ihnen nicht gelungen, sie zum Schweigen zu bringen. Nicht Schritt für Schritt, und ganz sicher nicht heute.
