Karl Dönitz. Großadmiral, Schöpfer der U-Bootwaffe und für 20 Tage der letzte Reichspräsident von Nazi-Deutschland. Doch etwas fehlt. Es gibt keine militärische Eskorte, keine Salutschüsse, kein Musikkorps der Bundeswehr, das den „Guten Kameraden“ spielt und vor allem keine Uniformen der aktiven deutschen Armee. Das Bundesverteidigungsministerium hat ein striktes Verbot erlassen.
Keine Ehre für Dönitz. Die Offiziere der Bundeswehr dürfen an diesem Grab nicht in Uniform erscheinen. Diese Entscheidung spaltet die Nation. Für die einen ist es ein notwendiger Akt der Distanzierung von einem Kriegsverbrecher. Für die anderen, die Tausenden, die hier im Matsch stehen, ist es ein Verrat an der Soldatenehre.
Wie kam es zu diesem finalen Skandal? Wie verbrachte der Mann, der den Befehl zum uneingeschränkten U-Bootkrieg gab, seine letzten Jahrzehnte? Bereute er? Heute blicken wir hinter die Fassade des „Löwen“, wie ihn seine Anhänger nannten. Wir rekonstruieren seine 10 Jahre im Kriegsverbrechergefängnis Spandau, sein Leben in der Isolation von Aumühle und die dramatischen Tage rund um seinen Tod an Heiligabend 1980.
Das ist die Geschichte vom langen, langsamen Sterben des Karl Dönitz. Kapitel 1: Nürnberg und die 10 Jahre von Spandau, 1946 bis 1956. Um das Ende zu verstehen, müssen wir kurz zurückblicken. 1946 in Nürnberg. Dönitz sitzt auf der Anklagebank. Er rechnet mit dem Todesurteil. Er war Hitlers Nachfolger. Er war tief verstrickt.
Doch das Urteil lautet: Zehn Jahre Haft. Er entgeht dem Galgen, weil sein Verteidiger eine eidesstattliche Erklärung des US-Admirals Chester Nimitz vorlegt, die bestätigt, dass auch die Amerikaner im Pazifik uneingeschränkten U-Bootkrieg führten. „Tu quoque“ – du auch. Das rettet seinen Kopf, aber nicht seine Freiheit.
Er wird in das Kriegsverbrechergefängnis Spandau in Berlin gebracht. Er wird Häftling Nummer 2. Spandau ist ein Ort der absoluten Isolation. Sieben Männer, bewacht von vier Siegermächten. Wie verhält sich Dönitz in diesen 10 Jahren? Er bleibt stur. Die Gefängnispsychologen beschreiben ihn als arrogant, unnahbar und völlig uneinsichtig.
Anders als Albert Speer, der zumindest öffentlich Reue zeigt, beharrt Dönitz darauf, nur seine Pflicht als Soldat getan zu haben. Er hält sich für politisch unschuldig. Er organisiert seinen Alltag penibel. Er treibt Sport, pflegt seinen kleinen Gartenbereich im Innenhof und führt das Kommando über seine Mitgefangenen, soweit diese es zulassen.
Er sieht sich immer noch als Staatsoberhaupt, als Großadmiral. Briefe an seine Frau Ingeborg sind voll von Selbstmitleid und der Überzeugung, Opfer einer Siegerjustiz zu sein. Er schreibt: „Ich habe nichts getan, dessen ich mich schämen müsste.“
Er weigert sich, sich mit den Verbrechen des Holocaust auseinanderzusetzen, obwohl er als einer der höchsten Ränge bei den Posener Reden Himmlers anwesend war. Er blendet die Realität aus. Für ihn existiert nur die saubere Seekriegsführung. Am 1. Oktober 1956 öffnen sich die Tore von Spandau. Dönitz hat seine Strafe auf den Tag genau abgesessen.
Kapitel 2: Der Unbeugsame in Aumühle, 1956 bis 1980. Dönitz ist 65 Jahre alt. Er zieht sich mit seiner Frau nach Aumühle zurück, in den Sachsenwald bei Hamburg. Ein bürgerliches Idyll.
Doch Ruhe gibt er nicht. Sein Ziel für den Rest seines Lebens ist klar definiert: Die Reinwaschung seines Namens und der Ehre der U-Bootwaffe. Er schreibt seine Memoiren „10 Jahre und 20 Tage“. Das Buch wird ein Bestseller. Es ist eine akribische Verteidigungsschrift. Er stellt sich als reinen Militär dar, der von der Politik nichts wusste.
Er festigt den Mythos der sauberen Wehrmacht. In Aumühle wird er zur Pilgerstätte. Jeden Tag erhält er Post, Autogrammwünsche, Fanpost von alten Kameraden, aber auch von Neonazis. Er antwortet fast jedem. Seine Unterschrift ist immer noch zackig. Oft unterzeichnet er nur mit: „Dönitz, Großadmiral.“
Er empfängt Besucher, alte U-Bootfahrer, Historiker, Journalisten. Wer ihn besucht, trifft auf einen charmanten, aber eiskalten alten Herrn. Er bietet Tee und Gebäck an. Doch sobald das Gespräch auf Hitler, die Judenverfolgung oder moralische Schuld kommt, macht er dicht. Er sagt Sätze wie: „Man muß trennen zwischen dem militärischen Auftrag und der politischen Führung.“
Er wird zur Ikone derer, die den Schlussstrich unter die NS-Zeit ziehen wollen. Er ist der integere Soldat. Dass er noch 1944 Durchhalteparolen ausgab und Jugendliche in den Tod schickte, dass er von KZ-Häftlingen wusste, die in den Werften schufteten – das alles existiert in Aumühle nicht. Aber das Alter fordert seinen Tribut.
1962 stirbt seine Frau Ingeborg. Dönitz ist nun allein. Er hat beide Söhne im Krieg verloren. Peter fiel auf U-954, Klaus auf dem Schnellboot S-141. Der Verlust der Söhne ist die einzige Wunde, die er manchmal zeigt. Er ist ein einsamer Mann, umgeben von Geistern und Erinnerungsstücken. Er geht jeden Sonntag in die Kirche.
Die Gemeinde in Aumühle respektiert ihn. Man sieht ihn spazieren gehen mit Hut und Mantel, immer aufrecht. Der Herr Großadmiral gehört zum Dorfbild. Kapitel 3: Der Tod an Weihnachten, Dezember 1980. Karl Dönitz ist 89 Jahre alt. Sein Herz ist schwach. Seit Jahren leidet er unter Altersbeschwerden.
Doch geistig ist er bis zuletzt hellwach. In den Tagen vor Weihnachten verschlechtert sich sein Zustand rapide. Er wird gepflegt, ist bettlägerig. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Mann, der den U-Bootkrieg im kalten Atlantik befehligte, an dem Tag stirbt, der für Frieden steht. Am 24. Dezember 1980, am Heiligen Abend, hört sein Herz auf zu schlagen.
Er stirbt in seinem Haus in Aumühle, still und unspektakulär. Die Nachricht verbreitet sich über die Feiertage. Für die Familie und die alten Kameraden ist es ein Moment der Trauer. Doch in Bonn im Verteidigungsministerium löst die Nachricht Panik aus, denn nun steht eine Frage im Raum, die man jahrelang verdrängt hatte.
Wie beerdigt die Bundesrepublik Deutschland ihr letztes noch lebendes Staatsoberhaupt aus der NS-Zeit? Kapitel 4: Der politische Eklat – Das Verbot. Normalerweise stünde einem ehemaligen Staatsoberhaupt oder einem hochrangigen Militär ein Begräbnis mit militärischen Ehren zu. Doch wir schreiben das Jahr 1980. Die Bundesrepublik hat sich gewandelt.
Unter Kanzler Helmut Schmidt, selbst ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, gibt es eine klare Linie: Keine Traditionspflege, die die Wehrmacht unkritisch verherrlicht. Der Verteidigungsminister Hans Apel reagiert sofort. Er erlässt eine Weisung, die in Offizierskreisen wie eine Bombe einschlägt.
Die Anweisung ist kurz und brutal: Keine militärischen Ehren, kein Salut, keine Musik, keine Sargträger der Bundeswehr und Verbot für aktive Soldaten der Bundeswehr, in Uniform an der Beisetzung teilzunehmen. Hans Apel begründet dies später so: „Ein Mann, der sich niemals von Hitler distanziert hat, kann kein Vorbild für die Bundeswehr sein. Wir ehren nicht den Großadmiral. Wir beerdigen einen Bürger.“
Die Empörung ist riesig. Der Deutsche Marinebund und Veteranenverbände laufen Sturm. Sie sehen darin eine Beleidigung der gesamten Kriegsgeneration. Sie argumentieren: Dönitz war Soldat. Er hat seine Pflicht getan. Er hat den Rückzug über die Ostsee organisiert und damit Millionen Flüchtlinge gerettet.
Darf man ihm die letzte Ehre verweigern? Helmut Schmidt, der Kanzler, stützt seinen Minister. Schmidt weiß genau: Wenn Bundeswehrsoldaten in Uniform am Grab von Hitlers Nachfolger salutieren, gehen diese Bilder um die Welt. Es wäre ein PR-Desaster für das moderne Deutschland. Die Fronten verhärten sich.
Dönitz hatte in seinem Testament verfügt, dass er keine Hakenkreuze auf seiner Beerdigung will. Er wollte ein soldatisches Begräbnis. Nun bekommt er weder das eine noch das andere. Er bekommt ein Politikum. Kapitel 5: Die Beerdigung – Eine stumme Demonstration. Januar 1981, der Tag der Beisetzung. Aumühle ist im Ausnahmezustand.
Die Polizei riegelt das Gelände weiträumig ab, um Demonstrationen von Linken oder Aufmärsche von Neonazis zu verhindern. Doch wer kommt, sind die Alten. Über viertausend Menschen drängen sich auf dem kleinen Friedhof. Es ist ein Meer aus grauen Haaren und Lodenmänteln und unter den Mänteln blitzt Metall. Trotz des Uniformverbots tragen hunderte Ritterkreuzträger und U-Bootveteranen ihre Orden offen am Zivilanzug.
Es ist eine stumme Provokation gegen Bonn. Zwei junge Offiziere der Bundeswehr in Zivil sind anwesend, um einen Kranz des Ministers niederzulegen. Sie werden ausgebuht. Einer der Kränze wird beiseite getreten. Die Atmosphäre ist geladen. Man spürt die Bitterkeit dieser Generation, die sich vom neuen Staat verstoßen fühlt.
Der Sarg wird von ehemaligen U-Bootfahrern getragen, keine Bundeswehrsoldaten. Der Pastor hält eine Predigt, die versucht, den Spagat zu meistern. Er spricht vom Christen Dönitz, nicht vom Großadmiral. Als der Sarg in die Erde gleitet, passiert etwas, das nicht im Protokoll steht.
Hunderte Männer nehmen Haltung an. Ein stummes „Habt acht“. Einige beginnen das alte U-Bootlied zu singen. Leise, brüchig, aber hörbar in der kalten Luft. Es ist der letzte Appell einer untergehenden Epoche. Es gibt keine Salutschüsse, nur das Klicken der Kameras der Pressefotografen. Dönitz wird neben seiner Frau Ingeborg und den Gedenksteinen für seine gefallenen Söhne beigesetzt.
Die Beerdigung von Karl Dönitz war mehr als nur eine Trauerfeier. Sie war der letzte große Konflikt zwischen der Wehrmachtsgeneration und der demokratischen Bundesrepublik. Dönitz starb, wie er lebte: in der festen Überzeugung, im Recht zu sein. Er nutzte seine zehn Jahre Freiheit nicht für Reue, sondern für Legendenbildung.
Das Verbot der militärischen Ehren war hart, aber historisch konsequent. Die Bundeswehr, eine Armee in einer Demokratie, konnte ihre Tradition nicht auf einen Mann gründen, der den verbrecherischen Krieg bis zur letzten Patrone verlängern wollte. Karl Dönitz bleibt eine der umstrittensten Figuren der deutschen Geschichte.
Ein brillanter Stratege auf See, aber ein politisch blinder oder willentlich ignoranter Vasall eines genozidalen Regimes. Sein Grab in Aumühle existiert noch heute. Es ist ruhig geworden um den Löwen. Die Veteranen sind mittlerweile fast alle ihm gefolgt. Was bleibt, ist die Geschichte und die Warnung, dass militärisches Können ohne moralischen Kompass in den Abgrund führt.
Was denkt ihr? War die Entscheidung der Bundesregierung 1981 richtig, die militärischen Ehren zu verweigern? Oder hätte man den Soldaten vom Politiker trennen müssen? Schreibt eure Meinung respektvoll in die Kommentare.
