Der CEO, Henrik Voss, stand wie versteinert. Der Mann, der normalerweise jeden Raum mit seinem Selbstvertrauen füllte, wirkte plötzlich geschrumpft, fast durchsichtig.
„Was soll das heißen, du willst versuchen?“, knurrte er, die Stimme dünner als sonst.
Die Augen der jungen Leute aus der IT wanderten zwischen ihr und Henrik hin und her. Niemand wusste so recht, wie man reagieren sollte. Das Mädchen, vielleicht siebzehn, hob nur die Schultern.
„Ich… hab da was gesehen“, sagte sie leise. „Im Netzwerk. Als ich letzte Woche meinem Vater geholfen habe.“
„Dein Vater putzt hier die Böden“, zischte einer der leitenden Ingenieure. „Was glaubst du denn—“
„Lass sie“, unterbrach ihn plötzlich eine der älteren Programmiererinnen. „Wir haben eh keinen Plan. Und die Backups sind korrupt.“
Ein Raunen ging durch den Raum.
Die Backup-Server—korrupt? Das hieß, jemand hatte sie absichtlich beschädigt. Aber niemand traute sich, den offensichtlichen Gedanken laut auszusprechen.
Henrik presste die Lippen aufeinander, dann nickte er knapp.
„Okay. Du hast fünf Minuten. Aber fass nichts an, ohne mir zu sagen, was du tust.“
Das Mädchen trat an den Terminal. Ihre Hände zitterten nicht. Sie klappte ihr altes, etwas zerfleddertes Notizbuch auf, das voll war mit Diagrammen, Codeschnipseln, seltsamen Skizzen, die aussahen wie eine Mischung aus Mathematik und Straßenkunst.
„Wie heißt du überhaupt?“, fragte Henrik.
„Lia“, sagte sie. „Lia Novak.“
Einige im Raum lachten leise. Ein Teenager sollte ein Problem lösen, an dem zwanzig Senior Engineers verzweifelt waren?
Lia tippte. Schnell. Zu schnell. Die Befehle flogen über den Bildschirm wie ein Gewitter aus Licht.
Einer der IT-Leute beugte sich vor, runzelte die Stirn, dann stieß er den Kollegen an.
„Das ist… das ist ein eigenes Debugging-Interface? Wo hat sie das her?“
„Das sieht selbst gebaut aus“, flüsterte ein anderer. „Verdammt… das ist brilliant.“
Henrik hörte die Flüstereien, aber er wagte nicht, Lia zu unterbrechen. Als der Bildschirm plötzlich blinkte und eine rote Meldung aufleuchtete, wich die Farbe aus seinem Gesicht.
„Unauthorized access detected.“
Lia schnaubte. „Hab ich mir gedacht.“
„Was heißt das?“, fragte Henrik.
Sie deutete auf den Code. „Jemand hat absichtlich eine Schleife eingebaut, die den Mainframe zum Absturz bringt, sobald bestimmte Datensätze geöffnet werden. Jemand von innen.“
Der ganze Raum verstummte.
Und dann—
„Das ist lächerlich!“, rief der leitende Ingenieur von vorhin, der mit den grauen Schläfen und dem perfekt gebügelten Hemd. „Eine Schleife? Ich bitte Sie! Das ist offensichtlich—“
„—von Ihnen“, sagte Lia ruhig.
Der Mann erstarrte.
Lia tippte weiter, wechselte zwischen Tabs, öffnete Logfiles, die nur jemand finden konnte, der wusste, was er suchte.
„Die Zugriffshistorie ist fälschungssicher. Und rate mal, wessen Key hier dreizehn Minuten vor dem Crash verwendet wurde?“
Ein paar Sekunden lang rührte sich niemand.
Dann bewegte sich Henrik. „Sicherheitsdienst“, knurrte er. „Nehmt ihn fest.“
„Das ist nicht, was— ich habe nichts getan!“ Der Ingenieur wich zurück, stieß gegen einen Tisch. „Das ist ein Fehler! Das ist—“
Er kam nicht weit. Zwei Sicherheitsleute packten ihn. Der Mann schrie, dann verstummte er, als er merkte, dass niemand ihm glaubte.
Als er abgeführt wurde, sah Lia ihm nach. „Er hat einen Datenverkauf vorbereitet“, sagte sie sachlich. „An KortexLabs. Die haben schon mal versucht, bei euch einzubrechen. Diesmal von innen.“
Henrik fuhr sich übers Gesicht. „Wie… wie weißt du das alles?“
Lia, immer noch konzentriert auf ihren Bildschirm, murmelte: „Ich hör zu. Und ich seh Dinge, die andere nicht sehen.“
Der Terminal blinkte erneut. Eine neue Analyse begann durchzulaufen. Die Flut an Zahlen wäre für die meisten nur Chaos gewesen. Für Lia war es Musik.
„Okay“, sagte sie schließlich und nahm die Hände von der Tastatur. „Ich glaube, ich kann’s rückgängig machen. Aber… ich muss etwas neu schreiben. Von Grund auf.“
„Wie lange?“, fragte Henrik.
„Dreißig Minuten.“
„Dreißig Min—“
Aber sie hörte schon nicht mehr zu. Ihre Finger flogen wieder los, diesmal noch schneller, wie ein virtuoser Pianist im Wettlauf gegen die Zeit.
Codezeilen explodierten über den Bildschirm, wurden überschrieben, neu verwebt, miteinander verwoben wie ein Teppich aus reiner Logik.
Henrik sah sie an, als hätte er zum ersten Mal in seinem Leben ein Wunder gesehen.
Die letzten Sekunden rannen davon.
Fünf… vier… drei…
Der Bildschirm wurde schwarz.
Alle im Raum hielten den Atem an.
Dann:
System restored. All sectors operational.
Das Jubeln brach gleichzeitig los. Einige Leute fielen sich in die Arme, andere ließen sich vor Erleichterung auf Stühle sinken. Henrik stand da wie ein Mann, der gerade dem Tod von der Schippe gesprungen war.
Lia klappte ihr Notizbuch zu.
„Ich… ähm… bin fertig“, sagte sie leise.
Ein paar Monate später
Lia saß in einem neuen Büro, diesmal mit eigener ID-Karte, Zugang zu Systemen, die sie früher nur von weitem bestaunen konnte.
Auf ihrem Tisch lag ihr altes Notizbuch, daneben ein moderner Laptop, den Henrik ihr persönlich überreicht hatte.
„Also“, sagte ihr Vater, der sie heute nach Feierabend abholte. „Wie war dein erster offizieller Arbeitstag als… wie heißt das nochmal?“
Lia grinste. „Junior Security Analyst.“
„Klingt wichtig.“
„Ist es auch.“
Sie standen am Fenster. Unten strömten Menschen aus dem Gebäude, müde, gehetzt. Aber Lia fühlte sich leicht.
„Komisch, oder?“, sagte sie. „Vor ein paar Monaten war ich nur die Tochter vom Putzmann.“
Ihr Vater legte den Arm um sie. „Und jetzt?“
Sie lächelte. „Jetzt schreib ich mit an der Zukunft.“
Und draußen über der Stadt flackerte das Virian-Logo wieder hell und stabil—als hätte nie jemand versucht, es zum Einsturz zu bringen.
