Radu blieb wie versteinert im Türrahmen stehen. Sein Blick sprang zwischen seiner Mutter, den weinenden Babys und Carmen hin und her. Sekunden, die sich wie Minuten dehnten.
„Radu… es ist nicht so, wie es aussieht“, begann Carmen mit einer dünnen, brüchigen Stimme.
„Ach ja?“ Er trat langsam in den Raum. „Dann erklär’s mir. Sofort.“
Maria versuchte, sich aufzurichten, aber ihre Beine gaben nach. Radu reagierte blitzschnell, packte sie unter den Armen und half ihr auf eine kleine Bank neben dem Waschbecken.
„Mama… mein Gott… warum hast du mir nichts gesagt?“
Maria schüttelte den Kopf. „Ich wollte keinen Ärger machen, draga… und sie hat gesagt—“
„Dass sie mich rauswirft, wenn ich übertreibe“, fiel Carmen ein, nun etwas giftiger. „Ja, und? Deine Mutter wollte hier bleiben. Ich hab ihr nur gezeigt, was Ordnung bedeutet.“
Radu fuhr herum, als hätte man ihn geohrfeigt. „Ordnung? Das hier nennst du Ordnung? Eine Frau mit Bandscheibenproblemen, zwei Babys auf dem Rücken – und du lässt sie den Boden hinter der Toilette schrubben? Bist du… komplett irre geworden?“
Carmens Augen verengten sich. „Übertreib nicht so dramatisch. Sie hat’s freiwillig gemacht.“
Maria wollte etwas sagen, doch Radu hob die Hand. „Nein, Mama. Jetzt rede ich.“
Er sah Carmen direkt an. „Wie lange geht das schon so? Was hast du noch mit ihr gemacht, wenn ich nicht da war?“
Carmen hob das Kinn. „Wenn du glaubst, dass ich mich hier von deiner Mutter oder dir schlecht behandeln lasse—“
„Antworte.“
Stille. Nur die Babys jammerten leise in der Binde auf Marias Rücken.
Carmen atmete tief ein. „Seit ein paar Monaten. Sie hat ständig irgendwas kaputt gemacht, hat nicht geholfen, hat Chaos hinterlassen. Also hab ich… ein bisschen Druck gemacht. Damit sie sich zusammenreißt. Das nennt man Verantwortung.“
Radu schloss für einen Moment die Augen, als wolle er nicht hören, was sie gesagt hatte. „Ein bisschen Druck…? Carmen, sie ist meine Mutter. Eine alte Frau. Kein Dienstmädchen. Kein Roboter.“
Carmen zuckte mit einer eiskalten Ruhe die Schultern. „Du bist viel zu weich. Das ist dein Problem. Und deswegen lässt sie sich alles erlauben.“
Das war der Moment, in dem er verstand: sie würde niemals einsehen, dass sie etwas falsch gemacht hatte.
Radu drehte sich wieder zu Maria um. „Mami, du kommst jetzt sofort raus aus dem Bad. Komm, ich trage die Kleinen.“
Behutsam löste er die Binde, nahm die Zwillinge auf den Arm und half ihr hinaus ins Wohnzimmer. Maria wankte, aber er stützte sie. Carmen folgte ihnen, die Arme verschränkt, der Blick voller Trotz.
„Und jetzt? Was willst du machen, Radu? Mich anschreien? Mir drohen? Deine Mutter gegen mich aufhetzen?“
„Nein“, sagte er ruhig. Zu ruhig. Gefährlich ruhig. „Ich werde Entscheidungen treffen. Richtige Entscheidungen.“
Carmen lachte auf. „Ach bitte! Was denn? Willst du mich rauswerfen? Die Mutter deiner Kinder? Viel Spaß dabei.“
Radu setzte sich neben Maria, streichelte sanft über ihren Rücken. „Mama… sag mir die Wahrheit. Hat sie dich noch zu etwas gezwungen? Dich beleidigt? Dich erniedrigt?“
Maria wollte erst abwinken, sich wieder klein machen, aber diesmal hielt Radu ihre Hand fest. „Bitte. Ich muss es wissen.“
Ein tiefer Atemzug. Ein Zittern. Und dann kam’s heraus wie ein Wasserfall.
„Sie hat mich jeden Tag angeschrien. Mich… ’Schmarotzerin’ genannt. Gesagt, ich soll dankbar sein, dass ich unter ihrem Dach leben darf. Hat mich den ganzen Haushalt machen lassen. Alles, was schwer war. Ich… ich habe mich geschämt, Radu. Ich wollte nicht, dass du denkst, ich bin eine Last.“
Radu wurde bleich.
Carmen explodierte sofort: „Blödsinn! Übertreib doch nicht so! Ich hab nur—“
„Halt den Mund, Carmen“, sagte Radu. „Nur einmal. Halt. Den. Mund.“
Seine Stimme war wie ein Schlag.
Er stand auf, die Zwillinge nun wieder in den Armen. „Du verlässt heute dieses Haus.“
Carmen starrte ihn an, als hätte er ihr gesagt, die Welt gehe unter. „Du… spinnst wohl! Das ist UNSER Haus! Ich gehe nirgendwo hin!“
Radu schüttelte den Kopf. „Das hier ist mein Haus. Finanzierst von MIR. Du hast zwei Möglichkeiten: Du packst deine Sachen und gehst zu deiner Mutter – oder ich rufe meinen Anwalt. Und glaub mir: Nach allem, was du hier getan hast, wird es für dich nicht einfach.“
„Du kannst mir nichts beweisen!“, fauchte sie.
„Ich brauche keine Beweise. Ich brauche nur meine Entscheidung.“
Carmen starrte ihn an. Noch einmal öffnete sie den Mund, doch diesmal kam kein Wort. Nur ein zitterndes, kaltes Einatmen. Dann wirbelte sie herum und stampfte in Richtung Schlafzimmer.
Radu hörte Schubladen, Schranktüren, Taschen. Schritte. Dann die Haustür, die zuschlug. Eine Stille breitete sich aus, die fast schmerzte.
Maria saß mit hängenden Schultern da, als könne sie kaum glauben, was gerade passiert war. „Radu… poate că nu trebuia… sie ist deine Frau… die Mutter der Kinder…“
„Nein, Mama.“ Radu kniete sich vor sie, legte einen Zwilling in ihren Schoß. „Eine Frau, die meine Mutter so behandelt, ist nicht meine Frau. Und ganz sicher keine gute Mutter.“
Maria strich sanft über die Wange des Babys. Ihre Hände zitterten. „Ich wollte keinen Streit…“
„Das war kein Streit, Mama. Das war eine Befreiung.“
Er setzte sich neben sie, legte den Arm um ihre Schultern. „Du bleibst nicht als ’Gast’ oder als ’Dienerin’. Du bleibst als meine Mutter. Ich werde eine Pflegerin engagieren. Jemanden, der dir hilft. Und du wirst dich erholen.“
Maria lächelte schwach, aber warm. „Ești un băiat bun, Radu… Ich hab immer gewusst, dass du ein guter Mensch bist.“
Er atmete tief durch. „Ich hätte früher hinschauen müssen. Das verspreche ich dir: so etwas passiert nie wieder.“
Die Zwillinge gurrten, als hätten sie verstanden, dass plötzlich eine Last aus der Luft gefallen war. Maria küsste eines der Kinder auf die Stirn und flüsterte: „Danke, Doamne…“
Radu schaltete die grelle Badezimmerbeleuchtung aus, als würde er ein ganzes Kapitel beenden.
Und als er mit seiner Mutter und seinen Kindern im Arm im Wohnzimmer saß, fühlte er zum ersten Mal seit Monaten Frieden.
Ein Zuhause.
Eins, in dem niemand mehr auf Knien schrubben musste.
