„Ich räum’ das Chaos nach deinen Gästen nicht weg!“, fauchte Karina. „Ich hab sie nicht eingeladen, nicht gefüttert und auch nichts eingeschenkt.“
Alexej zuckte zusammen bei dem scharfen Ton seiner Frau und schaute schuldbewusst auf das Durcheinander in der Gartenlaube. Leere Flaschen lagen unter den Bänken, auf dem Tisch standen eingetrocknete Bierpfützen, und in der Ecke hatte einer der Freunde Zigarettenstummel direkt auf den Holzboden geworfen.
„Hey, Süße, reg dich nicht auf. Ich hab doch gesagt, ich mach das morgen früh.“
„Karina. Ich heiße Karina“, korrigierte sie ihn und verschränkte die Arme. „Und es geht nicht ums Aufräumen.“
Angefangen hatte alles drei Tage zuvor, als Alexej schüchtern gefragt hatte, ob er ein paar Freunde auf die Datscha einladen dürfte. Karina hatte das Grundstück im letzten Jahr gekauft, nachdem sie ihre alte Wohnung verkauft hatte. Ein kleines Haus im Kiefernwald, eine Stunde von der Stadt — ein idealer Ort zum Arbeiten in Ruhe. Alles lief auf ihren Namen, sie hatte ihr eigenes Geld in die Renovierung der Veranda und der Laube gesteckt.
Beide arbeiteten remote. Karina war im Marketing einer großen IT-Firma mit stabilen 85 000 monatlich. Alexej schlug sich mit Freelance durch — mal Webdesign, mal Werbung für kleine Firmen. Mal 30 000, mal 80 000, aber selten unter 60 000.
Der Sommer war heiß, und Karina zog Anfang Juni mit Freude auf die Datscha — draußen arbeiten, keine stickige Stadtwohnung. Alexej folgte ihr, mit Tablet und Kamera im Gepäck. Die ersten Wochen verliefen ruhig: morgens Kaffee auf der Veranda, tagsüber arbeiten im Schatten der Apfelbäume, abends Gartenarbeit und Wasserholen aus dem Brunnen.
„Ich würd’ gern die Jungs für den Abend einladen“, sagte Alexej beim Frühstück am Mittwoch. „Grillen, Bier, einfach gemütlich sitzen. Ohne Übernachtung, alles easy.“
Karina hob den Blick vom Laptop. Ihr Mann drehte verlegen den Teelöffel in den Händen und wich ihrem Blick aus.
„Wen genau?“
„Na, Sergej, Maxim, vielleicht Wolodja. Drei Leute, nicht mehr. Sie kommen abends, und bis elf ist Schluss.“
„Bis elf?“
„Na gut, spätestens um zwölf. Dann fahren sie heim.“
Karina wandte sich wieder dem Bildschirm zu — der Bericht zur Werbekampagne brannte, Abgabe Freitag.
„Okay. Aber unter Bedingungen.“
„Welche?“
„Erstens — nur ein Abend. Keine Übernachtung, kein ‚wir machen morgen weiter‘. Zweitens — ich koche und serviere nicht. Drittens — du räumst ALLES selbst auf.“
„Natürlich!“, Alexej blühte auf. „Ich hab doch gesagt, alles läuft zivilisiert.“
Die Freunde kamen Freitag gegen sieben. Karina beobachtete aus dem Küchenfenster, wie Sergejs mitgenommene Priora in den Hof rollte. Aus dem Kofferraum zogen sie eine Bierkiste, eine große Box, Tüten mit Essen und rote Plastikbecher.
Sergej war Autoschlosser, immer in Trainingsanzügen und immer laut. Maxim handelte mit Autoteilen — ständig Jeans und T-Shirts mit englischen Sprüchen. Wolodja war angeblich Manager irgendwo — aber was er konkret tat, wusste Karina nicht. Alle drei waren Single, wohnten bei den Eltern und lebten so, als wären Wochenenden endlos.
„Alter, ist das GEIL hier!“, brüllte Sergej. „Wie im Paradies!“
„Gleich gibt’s Fleisch!“, rief Maxim und schwenkte den Beutel mit Schaschlik.
Alexej begann hektisch zu helfen, stellte die Boxen hin, organisierte den Grill. Die Musik dröhnte so laut, dass im Haus die Scheiben zitterten. Karina verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Sie nahm den Laptop und ging ins Schlafzimmer.
Arbeiten mit „Ljubé“ auf voller Lautstärke war unmöglich. Karina setzte Kopfhörer auf, aber auch sie konnten die Stimmen nicht völlig dämpfen. Besonders laut war Wolodja — offenbar hatte er mehr getrunken als die anderen.
„Weißt du noch, damals in der Armee…“, fing einer an.
„Weißt du noch, wie Lenka letztes Jahr…“, rief der andere.
„Weißt du noch, als wir mit Tolik…“, brüllte der dritte.
Karina schloss den Laptop und legte sich hin. Draußen roch es nach Grillrauch, Gelächter und klirrenden Flaschen. Es war halb neun.
Gegen zehn wurde die Musik noch lauter. Karina sah aus dem Fenster — die Männer saßen in der Laube, vor jedem mehrere leere Flaschen. Sergej gestikulierte wild, Maxim sang mit, Wolodja lag auf der Bank, Kopf im Nacken.
Um elf dachte niemand ans Gehen. Im Gegenteil — Sergej telefonierte:
„Komm rüber! Hier ist’s mega! Voll der Hammerplatz!“
Karina runzelte die Stirn. Anscheinend wollten sie noch mehr Leute herholen.
„Ey Alex, bei dir ist’s ja der Hammer!“, schrie Maxim. „Wir sollten öfter kommen!“
„Logo!“, rief Alexej. „Karina ist nicht dagegen!“
„Boah, strenge Ehefrau!“
„Ach, sie ist okay“, verteidigte Alexej. „Hat halt ’nen wichtigen Job.“
Um ein Uhr nachts verstummte endlich die Musik. Karina sah — die Laube leer, aber Licht in der Küche. Stimmen, Wassergeräusche.
Am Morgen stand sie um halb sieben auf — wie immer. Alexej schnarchte, roch nach Alkohol.
In der Küche erstarrte sie.
Ein Berg schmutzigen Geschirrs, Bierpfützen, Krümel, Apfelreste. Kühlschrank offen, Flaschen überall.
Im Flur noch mehr Müll. Eine zerbrochene Tasse am Boden. Der Fußabtreter voller Flecken.
Und die Krönung wartete in der Laube:
Maxim schlief auf der Bank, eingewickelt in irgendeine Jacke.
Sergej pennt auf einer Matratze, leerer Flasche im Arm.
Und Wolodja liegt auf der Küchencouch — Schuhe an, Bierdose fest in der Hand.
