Niederlande sauer auf Deutschland: Lithium im Rhein bedroht Trinkwasser – „Hätten wir nur gewusst“ ?v

Die Niederlande sind verärgert über die hohe Belastung des Flusses. Sie fürchten um ihr Trinkwasser. Der Blick geht auch Richtung Frankfurt-Höchst.

Eigentlich sollte gefeiert werden beim Jubiläum der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKRS). Die Organisation mit Sitz im beschaulichen Koblenz feiert in diesem Jahr ihren 75. Gründungstag. Aber nach Jubel ist im Mitgliedsland Niederlande niemandem zumute. „Die Geschichte der IKSR zeigt: Internationale Zusammenarbeit wirkt – aber sie braucht anhaltendes Engagement“, heißt es im Glückwunschschreiben der niederländischen Wasserversorger Riwa-Rijn. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Im zurückhaltenden Ton der niederländischen Diplomatie drückt die verklausulierte Formulierung ein Höchstmaß an Verärgerung aus.Rhein-Streit mit den Niederlanden: Deutschland blockiert EU-Grenzwerte für gefährliches Lithium
Denn im Nachbarland ist man mächtig sauer. Und zwar über die schwarz-rote Bundesregierung und das Bundesumweltministerium von Carsten Schneider (SPD). Der Grund: Rheinabwärts fürchten sie um die Qualität des aus dem Rhein gewonnenen Trinkwassers. „Wir wollen rechtzeitig handeln, damit wir in ein paar Jahren nicht sagen: Hätten wir nur gewusst, dass das Metall so schädlich ist“, so Gerard Stroomberg, Chef des Wasserversorgerverbunds Riwa-Rijn, jetzt im niederländischen Sender NOS.

Das Metall, um das es geht, ist Lithium, chemisches Zeichen Li. Ein Element, das vor allem wegen seiner Bedeutung für Batterien für die Elektromobilität begehrt ist. Stroomberg aber sorgt sich um die Lithium-Belastung im Rhein. Dabei geht der Blick stromaufwärts. Der niederländische Grenzwert für Lithium im Wasser beträgt derzeit elf Mikrogramm, die Belastung im Rheinwasser, das aus Deutschland in die Niederlande fließt, liegt derzeit bei 13 Mikrogramm.

Daher schlagen die niederländischen Wasserversorger Alarm. Vierzig Prozent des Trinkwassers in den Niederlanden werden aus Rhein, Maas und Ijsselmeer gewonnen. Im Vorjahr beklagten die Wasserversorger im Land deshalb schon die hohe Belastung des Rheinwassers mit der Ewigkeitschemikalie PFAS. Nun richtet sich der bange Blick im kleinen Grenzverkehr auf das Lithium. „Wenn wir uns jetzt nicht der Risiken dieser Substanz für die Umwelt und die öffentliche Gesundheit bewusst sind, werden wir bald feststellen, dass wir im Rückstand sind, genau wie im PFAS-Dossier“, so Stroomberg.

Rhein und Wasser
Die Organisation: Die IKSR mit Sitz in Koblenz wurde 1950 gegründet. Ihr gehören die Rheinanlieger Deutschland, Frankreich, Schweiz und Luxemburg sowie Österreich, Liechtenstein, die belgische Wallonie sowie die EU-Kommission an. Ziel ist der Schutz des Rheins.

Das Metall: Lithium gilt als Schlüsselelement der Energiewende. Vierzig Prozent des Metalls werden derzeit in China veredelt. Die EU fördert die heimische Produktion, unter anderem aus dem Tiefenwasser von Geothermie-Anlagen im Oberrheingebiet zwischen Karlsruhe und Lörrach.

Lithium-Alarm am Rhein: Niederländische Wasserversorger fürchten um Trinkwasser – Schneider bremst
Derzeit wird Lithium überwiegend aus der Volksrepublik China eingeführt. Mit Blick auf Lieferketten und die strategische Bedeutung des Rohstoffs soll das Metall zunehmend in Europa gewonnen werden. Die Europäische Union verabschiedete deshalb den Critical Raw Materials Act (CRMA). Das Ziel: Bis 2030 sollen zehn Prozent der strategischen Schlüsselelemente wie Lithium in Europa gewonnen, 40 Prozent hier veredelt und 25 Prozent der eingesetzten Metalle recycelt werden.

Und da beginnt für Stroomberg das Problem: In Frankfurt-Höchst wird seit dem Vorjahr Lithium, das aus dem Tiefenwasser am Oberrhein gewonnen wird, veredelt. In Dormagen entsteht ein Werk zum Recycling von Lithium-Batterien. In den Niederlanden fürchten sie, das Metall könnte übers Abwasser main- und rheinabwärts in ihren Wasserwerken landen. Von „Besorgnis über den Abbau und die Verarbeitung von Lithium im Rheineinzugsgebiet“, ist in einer Stellungnahme von Riwa-Rijn die Rede.

Riwa-Rijn-Boss Stroomberg dringt deshalb auf die Einführung eines EU-weiten Grenzwerts. Ein erster Vorstoß wurde zuletzt bei der Jubiläumsversammlung der Rhein-Kommission gemacht. Aber die schwarz-rote Bundesregierung und das zuständige Umweltministerium blockten ab.

Lithium ist Antidepressiva enthalten und kann erhebliche Nebenwirkungen verursachen. Im Organismus kann das Metall bei zu hohen Konzentrationen die Nieren schädigen. So fordert Stroomberg europäische Maßnahmen. „RIWA-Rijn plädiert daher für die gemeinsame Entwicklung eines Umweltqualitätsstandards für Lithium – damit auch künftige Generationen auf sauberes und sicheres Trinkwasser aus dem Rhein vertrauen können“, heißt es in dem Schreiben des Wasserversorgerverbunds. Der Rhein verbindet. Und das verpflichtet. So sieht man das jedenfalls in den Niederlanden.

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