Das Renteneintrittsalter auf 70 Jahre erhöhen: Diesen Vorschlag von Wirtschaftsministerin Reiche unterstützt Ökonom Bernd Raffelhüschen ganz klar.
Berlin – Die Diskussion um eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre, angestoßen von Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU), sorgt für heftige Debatten. Kritik kommt nicht nur von Gewerkschaften, sondern auch aus ihrer Partei. Christian Bäumler, stellvertretender Vorsitzender des CDU-Sozialflügels (CDA), sagte der Tagesschau zufolge: „Wer als Wirtschaftsministerin nicht realisiert, dass Deutschland eine hohe Teilzeitquote und damit eine niedrige durchschnittliche Jahresarbeitszeit hat, ist eine Fehlbesetzung.“ Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht in Reiches Vorschlag laut Norddeutschem Rundfunk (NDR) eine „Rentenkürzung durch die Hintertür“. Dennoch gibt es auch Befürworter – etwa den Ökonomen Bernd Raffelhüschen.Raffelhüschen hält die Idee einer Rente ab 70 für „vollständig berechtigt“
Der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Raffelhüschen warnt seit Jahren vor einer Überlastung der Rentenkassen. Im Gespräch mit dem Focus sagte er jetzt zum Ansatz von Bundeswirtschaftsministerin Reiche, das Rentenzugangsalter auf 70 Jahre zu erhöhen: „Das ist vollständig berechtigt. Und es wird auch höchste Zeit, denn wir hätten das schon längst machen müssen.“
Die steigende Lebenserwartung ist ein zentrales Argument für Raffelhüschen. Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) betrug sie 2024 für Frauen 83,5 Jahre und für Männer 78,9 Jahre, mit einem Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. „Worum es letztlich geht, ist die Frage, ob die steigende Lebenserwartung zu 100 Prozent in Rentenbezugszeit gewährt wird. Oder ob wir Teile der wachsenden Lebenserwartung nicht auch mit Arbeit verbringen sollen“, so Raffelhüschen. In der Wirtschaftswissenschaft gebe es „eigentlich überhaupt keine andere Position als die von Frau Reiche.“
Rentenkassen werden durch Verzicht auf die Anpassung des Rentenalters an die Lebenserwartung belastet
Raffelhüschen mahnt, dass ohne Erhöhung des Renteneintrittsalters „die Renten massiv erhöht werden.“ Er erklärt: „Wenn Sie sich vorstellen“, so Raffelhüschen, „in den Sechziger- und Siebzigerjahren haben wir Rentner gehabt, die haben für zehn Jahre Rentenbezugszeit 45 Jahre gearbeitet, also viereinhalb Jahre für ein Rentenbezugsjahr.“
Heutige Rentner würden im Durchschnitt „gerade einmal vierzig Jahre“ arbeiten und dafür 20 Jahre Rentenbezugszeit erhalten. „Das heißt, sie arbeiten nur noch zwei Jahre für ein Jahr Rentenbezugszeit“, erklärt Raffelhüschen. Dies sei „überhaupt nicht zu tolerieren.“ Er betont: „Wir treten die Generationengerechtigkeit mit Füßen, wenn wir das weiter so laufen lassen.“
Ökonom hält Rente ab 70 auch für generationengerechter
Raffelhüschen argumentiert, dass Deutschland, ähnlich wie skandinavische Länder, das Renteneintrittsalter längst hätte anpassen müssen. „Dann würden wir heute entsprechend ein späteres Rentenzugangsalter haben“, sagt er. Dies hätte bedeutet, dass das Renteneintrittsalter bereits gegenwärtig bei 68 Jahren liegen könnte, mit einem möglichen Anstieg auf 70 Jahre im nächsten Jahrzehnt.
Für mehr Generationengerechtigkeit müssten Arbeitnehmer im Durchschnitt vier Jahre für ein Jahr Rentenbezugszeit arbeiten, wie in den Sechziger- und Siebzigerjahren. „Dann wären wir auch heute schon bei einem Renteneintrittsalter von 70 Jahren“, fügt Raffelhüschen hinzu.
Eine alternative Lösung könnte darin bestehen, die Jahre der steigenden Lebenserwartung „zu drei Vierteln in Erwerbstätigkeit“ und „zu einem Viertel“ in Rentenbezugszeit zu unterteilen. Wahrscheinlich liege die Lösung, um den Herausforderungen des demografischen Wandels gerecht zu werden, irgendwo zwischen diesen Ansätzen, so der Ökonom. (fh)
