Erdogan lässt Politiker verhaften, kontrolliert Medien und deutsche Anhänger. Ein SPD-Experte erklärt, warum er trotzdem nicht unaufhaltsam ist.
Berlin – Plötzlich war er weg: Mitte März nahmen Polizisten den Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu fest. Er sitzt seitdem im Gefängnis und wurde jüngst zu einer Haftstrafe verurteilt. Offiziell geht es unter anderem um Korruptionsvorwürfe. Der Politiker der sozialdemokratischen CHP gilt als ärgster Konkurrent des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner Partei AKP.
In den letzten Tagen wurden zahlreiche weitere Oppositionspolitiker inhaftiert, gegen Proteste der Bevölkerung geht die Polizei teilweise rigoros vor. Kritiker sagen: İmamoğlu sei unschuldig, Erdogan wolle seinen Konkurrenten so aus dem Weg räumen. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Macit Karaahmetoğlu sieht das so.
Herr Karaahmetoğlu, Sie haben kürzlich Dilek İmamoğlu, die Frau des inhaftierten Istanbuler Bürgermeisters, in der Türkei getroffen. Wie geht es ihr jetzt?
Sie wirkte sehr kämpferisch und gefasst. Aber diese unfassbare Ungerechtigkeit, dass ihr Mann einfach aus dem Verkehr gezogen wurde, setzt ihr natürlich zu. Das ist für sie kaum auszuhalten, aber sie bleibt tapfer.
Erdogan räumt Gegner aus dem Weg: „Das verdient die Türkei nicht“
Was geht denn in Ihnen persönlich vor, wenn Sie solche Ungerechtigkeiten in dem Land erleben müssen, in dem Sie aufgewachsen sind?
Es verletzt meinen Stolz auf die Türkei. Mein Geburtsland war trotz aller Mängel immer eine Demokratie. Wenn jetzt aber der stärkste Oppositionskandidat von Erdogan einfach aus dem Weg geräumt wird, indem man ihn unter fadenscheinigen Argumenten ins Gefängnis steckt, kann man kaum noch von einer Demokratie sprechen. Das verdient die Türkei nicht.
